„Auf den Weg gemacht“

Ein Gespräch über den Aufbau der neuen Regionalen Bildungsstelle in Bayern

Im Oktober 2017 bezog die neue Regionale Bildungsstelle in Augsburg, Weiße Gasse 3, ihr Quartier in den Räumen des Eine Welt Netzwerk Bayern (EWNB). Hier sind wir, Susanne Giese und Caren Rehm, die Ansprechpartnerinnen für die Referent*innen des Programms Bildung trifft Entwicklung, für Veranstalter*innen und potentielle Kooperationspartner*innen sowie für alle Interessierten und Engagierten, die Beratung und Bildungsmaterialien zum Globalen Lernen suchen.

Eine Bildungsstelle aufzubauen bedeutet viel Arbeit: die Einrichtung beschaffen (Möbel und Technik), die Bildungsmaterialien auswählen und die Einarbeitung in die vielfältigen Themen. Vor allem aber versteht sich die Bildungsstelle als Kommunikationsstelle und Mittler. Wir bringen Referent*innen und Veranstalter*innen zusammen, wir beraten bei der Gestaltung von Bildungsveranstaltungen und wir organisieren Erfahrungsaustausch und Qualifizierung. Unsere Aufgabe ist eine Arbeit für und mit Menschen und deswegen sind hier diejenigen zum Gespräch geladen, die das Programm Bildung trifft Entwicklung verkörpern: die Bildungsreferent*innen. Mit uns auf dem virtuellen Sofa: Dr. Anne Bartelsmeier und Dr. Guy-Erick Akouègnon.

Anne Bartelsmeier

Anne Bartelsmeier ist Pastoralistin mit den Ausbildungen zur Landwirtin, Dipl. Agraringenieurin, Ethnologin und Tierheilpraktikerin. Für die GTZ, den Deutschen Entwicklungsdienst und als freie Gutachterin lebte und arbeitete sie insbesondere in Westafrika: im Niger, in Mali und Burkina Faso. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Pastoralismus, Mensch-Tier-Beziehungen, Landwirtschaft, ländliche Entwicklung und Ressourcenschutz, Geschlechtergerechtigkeit/AllGender/LGBTI, partizipative Methoden sowie Menschenrechte. Dabei geht es ihr um interdisziplinäre und -kulturelle Zusammenarbeit und Kommunikation. Anne Bartelsmeier lebt im Allgäu, wo sie als BtE-Referentin vor allem an berufsbildenden Schulen sehr aktiv ist.

Guy-Erick Akouègnon

Guy-Erick Akouègnon stammt aus der Republik Benin und lebt seit 1992 in Deutschland. Er studierte Agrarsozialökonomie an der Universität Hohenheim, Schwerpunkt Entwicklungstheorie und ländliche Entwicklungspolitik. Nach dem Studium war er in der internationalen Zusammenarbeit in Nigeria und Benin tätig. Sein Hauptinteresse gilt der partizipativen Ausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit. Um seine fachlichen Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit und seine persönlichen Kenntnisse aus Afrika zu teilen, ist Dr. Akouègnon als Referent für Globales Lernen bei Bildung trifft Entwicklung tätig.

Susanne: Liebe Anne, lieber Guy-Erick, vielen Dank, dass ihr bereit seid an diesem Gespräch teilzunehmen. Zum Einstieg eine ganz spontan zu beantwortende Frage an euch beide: Wenn ihr an die neue Regionale Bildungsstelle denkt, was fällt euch als erstes dazu ein, welches Bild assoziiert ihr damit?

Anne: Räumliche Nähe (insbesondere vom Allgäu), gute persönliche Erinnerungen an das Haus, in dem die Regionale Bildungsstelle ihr Büro hat, in dem ich vor einigen Jahren Vorträge hielt, aber auch im Herbst 2017: Bringen die neuen Menschen in der Geschäftsstelle die Erfahrungen mit, die es braucht?

Guy-Erick: Regionale Nähe, mehr Vertrauen. Ihr seid ein kleines Team und dadurch läuft alles über euch beide, was meiner Meinung nach mehr Nähe und gegenseitiges Vertrauen mit sich bringt.

Anne: Viele Menschen sind auf dem Weg – seit jeher! Ob aus wirtschaftlichen Gründen - Hirten suchen nach Wasser und Weide- oder sozialen Gründen - Ehepartner ziehen an den Lebensort ihres Partners - und vieles mehr. Migration ist vielfältig so wie unser‘ aller Wege vielfältig sind. Von wo habt ihr euch auf den Weg nach Augsburg gemacht zu 'BtE' im Eine Welt Netzwerk Bayern, um dort die neuen Bildungsstelle in Bayern zu gestalten? Ich meine die Frage sowohl räumlich als auch inhaltlich.

Caren: Ursprünglich komme ich aus Günzburg (Legoland) und bin für die BtE-Stelle von Nürnberg nach Augsburg gezogen. In Bayreuth habe ich Geographische Entwicklungsforschung studiert und machte anschließend in Stuttgart verschiedene Praktika in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sowie in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Anschließend absolvierte ich ein Trainee bei Mission EineWelt als Referentin und Projektkoordinatorin in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Ich freue mich nun gemeinsam mit den Referent*innen und dem Eine Welt Netzwerk Bayern e.V. BtE in Bayern voran zu bringen und weiter auszubauen.

Susanne: Die letzten zehn Jahre habe ich in Ghana und in Sambia gewohnt. Von Sambia aus war ich in Afrika und in Asien als freie Trainerin und Beraterin in der internationalen Zusammenarbeit tätig. Zuvor baute ich in Ghana als Koordinatorin der GIZ die Fachgruppe für Zivilgesellschaft und Medien auf. Vor meiner Ausreise beriet ich jahrelang regionale Finanzinstitute bei ihren Veränderungsprozessen. Mich treibt die Frage „wie gelingt Veränderung?“ um – insbesondere im interkulturellen Kontext. Mich interessieren Erfahrungen in Veränderungs- und Lernprojekten: welche Möglichkeiten und Methoden gibt es, Veränderungsprozesse in Gang zu setzen und Lernprozesse positiv zu gestalten? Was wirkt? Bei wem und unter welchen Rahmenbedingungen?

Guy-Erick: Welche Veränderungen möchtet ihr anstoßen?

Susanne: Beim Aufbau der Regionalen Bildungsstelle geht es uns zunächst nicht um die Veränderung des BtE-Programms. Als Erstes streben wir nach einem stabilen Ablauf. Ganz wichtig sind für uns eine gute Kommunikation mit den Referent*innen, der Aufbau tragfähiger und sinnvoller Kooperationen und die Verknüpfung mit der Eine Welt-Arbeit in Bayern.

Das Programm „Bildung trifft Entwicklung“ verfolgt das Ziel, möglichst große Breitenwirkung zu entfalten. Darunter verstehen wir verschiedenste Zielgruppen für globale Zusammenhänge zu sensibilisieren und zum Handeln anzuregen. Die meisten Veranstaltungen finden an Schulen statt, das wollen wir gerne noch in den verschiedenen Schultypen intensivieren. Darüber hinaus wollen wir eigene Akzente setzen. Besonders wichtig ist uns die Qualität der Veranstaltungen. Deshalb werden wir regionale Fortbildungen anbieten und die Evaluierung der Veranstaltungen weiterentwickeln.

Anne: Welches sind eure – vielfältigen – Ideen für den Weg von BtE in Bayern im BtE-Konsortium Deutschland?

Susanne: In Bayern ist uns die aktive Zusammenarbeit mit den Akteuren der Eine Welt Arbeit besonders wichtig. Wir wollen Doppelungen vermeiden und Synergien nutzen. Im Eine Welt Netzwerk Bayern sind über 170 Mitgliedsvereine zusammengeschlossen. Die vielfältigen Initiativen, Vereine und Institutionen haben eine große Expertise in Sachen Globales Lernen, die wir in Fortbildungen und gemeinsamen Aktionen nutzen können. Gleichzeitig sind sie auch bedeutende Veranstalter von Bildungsveranstaltungen und bieten ein interessantes Reservoir potentieller Referent*innen. Das Entscheidende ist jedoch ihre Rolle bei der Handlungsaktivierung – und auf die kommt es uns ja letztlich beim Globalen Lernen an. Hier bieten die lokalen Akteure praktische Beispiele für aktives Engagement und die Möglichkeit zum Mitmachen vor Ort.

Wichtig ist uns, neue Entwicklungen, wie neue Themen, Zielgruppen oder auch die genannten Fortbildungen und Evaluierungen gemeinsam mit den Bildungsreferent*innen zu gestalten, um eure Erfahrungen und Kenntnisse einfließen zu lassen und entsprechend euren Interessen und Möglichkeiten zu agieren. Dafür gilt es neue Formen zu entwickeln, gerade innerhalb Bayerns mit seinen weiten Entfernungen. Dabei können wir zum Einen in der Kommunikation digitale Medien nutzen - es gab bereits eine Beschwerde über die große Zahl an Umfragen bei den Referent*innen – viele jedoch schätzen unsere partizipative Form der Entwicklung, wie eine Umfrage zur Einschätzung der Arbeit der Regionalen Bildungsstelle zeigt. Zum anderen erscheinen mir regionale Netzwerke von BtE – Referent*innen und den genannten Akteuren erfolgversprechend. Das möchten wir fördern.

Guy-Erick: Und was sind dabei die Herausforderungen für BtE in Bayern als Teil des Eine Welt Netzwerks, und gleichzeitig im bundesweiten BtE Konsortium der Träger?

Susanne: Das Programm „BtE“ wird getragen von einem Konsortium aus dezentralen zivilgesellschaftlichen Organisationen und einer staatlichen Institution. Diese Mischung macht eine Stärke des Programms aus. Gerade beim Aufbau der Bildungsstelle ist das Wissen im Verbund sehr hilfreich. Besonders dankbar sind wir den Kolleg*innen aus den anderen Bildungsstellen und von Engagement Global für ihre kompetente Beantwortung aller unserer Fragen.

Dennoch ist klar, dass bei einer solchen Konstruktion mit vielen verschiedenen Akteuren Abstimmungsbedarf und Flexibilität nötig sind. Jede beteiligte Organisation hat ihre Interessen und ihre Sichtweise. In Diskussionen verständigen wir uns über gemeinsame Werte und gemeinsame Schwerpunkte. Dies ist mal anregend und mal anstrengend, aber immer kreativ. Zudem haben die regionalen Bildungsstellen die Freiräume, ihre eigenen Schwerpunkte zu setzen und die unterschiedlichen Erfahrungen aus den einzelnen Bildungsstellen bereichern wiederum das gesamte Programm und machen seine Vielfalt aus.

Susanne: Ihr beide seid schon einige Jahre als Bildungsreferent*innen für BtE tätig. Seit Oktober habt ihr nun mit der Regionalen Bildungsstelle in Augsburg zu tun. Dadurch haben sich ein paar Dinge für euch verändert, was hat euch dabei überrascht?

Anne: Veränderungen: mit der neuen Geschäftsstelle fallen nun überraschend hohe Gebühren für die Veranstaltungen an; das ist nach der jahrelangen kostenfreien Durchführung nicht einfach. Häufiger Rundmails, mit Informationen, die UNS betreffen – das ist prima, mehr Anfragen nach Referent*innen über die regionale Bildungsstelle – das ist ebenfalls prima.

Überraschend: Die neuen Mitarbeiterinnen der Regionalen Bildungsstelle haben sich enorm schnell und kompetent eingearbeitet! Dass es so häufig Etat-Unsicherheiten gibt, ist ebenfalls überraschend.

Guy-Erick: Als Referent ist mir eine wesentliche Veränderung aufgefallen: die Kostenbeteiligung der nachfragenden Veranstalter, die wir zunächst als Einbuße empfunden haben. Trotz dieser Veränderung hat sich die Anzahl meiner Veranstaltungen nicht gemindert, im Gegenteil.

Guy-Erick: Welche Strategie wendet ihr an, um mehr Zielgruppen für das Globale Lernen zu erschließen und zu begeistern?

Susanne: Freut mich, dass Du das sagst. Hier zahlt sich die Strategie der Zusammenarbeit im Netzwerk schon aus. Wir stellen BtE auf Seminaren und sonstigen Treffen im Netzwerk vor und so erhalten wir freundliche Unterstützung durch Mund zu Mund Propaganda.

Caren: Wir sprechen viel über Veränderung, wichtig ist auch: was soll erhalten bleiben?

Anne: Erhalten bleiben sollen uns die „Kurzen Dienstwege“, Spontanität und Flexibilität: zum Beispiel dass auch mal kurzfristige Veranstaltungsanmeldungen möglich sind oder wenn Anpassungen bei den Veranstaltungen kurzfristig vorgenommen werden müssen seitens der Referent*innen; und der Kontakt auf Augenhöhe.

Guy-Erick: Der Zugang zu Fortbildungsangeboten, sowohl auf regionaler als auch auf Bundesebene soll erhalten werden.

Susanne: Lasst uns zum Ausblick an die zukünftige Entwicklung des BtE – Programms denken: Wohin soll die Reise gehen und welche Rolle wollt ihr dabei übernehmen? Oder anders gefragt, wie sieht eure Reise als Bildungsreferent*innen aus und wie könnt ihr und mögt ihr zur Zukunft des BtE-Programms in Bayern beitragen?

Guy-Erick: Die Weltlage ist komplizierter geworden. Wir befinden uns offensichtlich im Umbruch, daher sehe ich noch eine größere Verantwortung für die aktive politische Bildungsaufgabe der BtE. Ich kann mir vorstellen, neue Themenbereiche anzuregen, auch wenn ich noch nicht genau sagen kann welche.

Anne: In Bayern lebt seit jeher eine Vielfalt autochthoner Ethnien: Allgäuer, Oberbayern, Niederbayern, Oberpfälzer, Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken, die nicht selten durch besonderes Regionalkolorit gekennzeichnet sind. Alle heißen Bayern, nicht alle sind Bayern. Ethnizität und Identität unterscheidet sich, insbesondere durch die Sprache. Insofern hat der „Freistaat Bayern“ gewisse Vorerfahrungen mit einer historischen Vielfalt seiner Bewohner und kann diese nutzen. Ich arbeite bereits an Schulen und Berufsbildungszentren zu Migration und Zusammenleben. Diese Themen halte ich für wichtig und ausbaufähig.

Ich könnte mir vorstellen, eigene Programm-Ideen - „speziell für Bayern“ zu entwerfen, Ideen für Projekte habe ich schon: Pastoralismus – hüben und drüben, mehr zum Thema Tiere und Menschen (unter anderem Rechte ...) und die Zusammenarbeit mit Organisationen, die nicht direkt aus dem EZ/Eine Welt Bereich kommen, zum Beispiel Lernort Bauernhof, Landwirtschaftsämter, Soziale Landwirtschaft..... Kontakte meinerseits sind da vorhanden.

Anne: Und aus eurer Sicht: Wo geht unser Weg hin? - Welche Erwartungen habt ihr an uns Referent*innen?

Susanne: Entsprechend der Strategie der Kooperation im Netzwerk wünschen wir uns eine aktive Vernetzung der Referent*innen bei sich vor Ort. Außerdem brauchen wir eure aktive Mitarbeit beim Aufbau von Kooperationen, da freue ich mich über Deinen Vorschlag.

Caren: Nur die Referent*innen können Kooperationen mit Leben füllen. Da sich die Themen im Laufe der Zeit ändern, erwarten wir auch eine gewisse Flexibilität und Interesse, sich in neue Themen einzuarbeiten, damit wir einem breitem Spektrum an Zielgruppen ein vielfältiges Bildungsangebot offerieren können. Dabei unterstützen wir natürlich durch Beratung, Medien und Fortbildungen. Und wir freuen uns über eure Mitarbeit bei der Erstellung von neuem Bildungsmaterial.